Chronisch entzündliche Darmerkrankung

21. Apr 2021

Ist ein Primärer Immundefekt die Ursache für meine Beschwerden?

Wenn der Darm chronisch entzündet ist, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa handelt. Aber auch Primäre Immundefekte können mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung einhergehen: Rund 10% aller Immundefekte werden von Darmentzündungen begleitet.

Für das menschliche Immunsystem spielt der Magen-Darm-Trakt eine besondere Rolle, denn hier findet ein Großteil der körpereigenen Abwehrreaktionen statt. Grund dafür ist, dass sich eine Vielzahl von Immunzellen in der Schleimhaut des Darmes befinden. Insbesondere Zellen, die für die Produktion von Antikörpern zuständig sind, sind hier zu finden. Ist das Immunsystem jedoch durch einen Primären Immundefekt gestört, so ist es möglich, dass Magen-Darm-Beschwerden auftreten, die chronisch werden können.

Doch wie unterscheiden sich klassische, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen von denen, die durch einen Primären Immundefekt ausgelöst werden? Wir geben Einblick in die Zusammenhänge.

Die „klassischen“ chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

In den meisten Fällen beginnen die chronischen Entzündungen damit, dass Bakterien in die Darmschleimhaut eindringen. Das körpereigene Abwehrsystem reagiert auf diesen Prozess stark, es entsteht eine unkontrollierte Überreaktion des Organismus, die die entzündlichen Prozesse bedingt.

Anhand der jeweiligen Symptome und der typischen Entzündungsentwicklung lassen sich die Erkrankungen in Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und in PID-assoziierte entzündliche Darmerkrankungen unterscheiden. Die ersten beiden Erkrankungen ähneln sich in ihrer Symptomatik: Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme sowie Wachstumsstörungen bei Kindern sind sehr häufig. Meistens beginnt die Erkrankung bereits im frühen Alter (ab dem sechsten Lebensjahr).

Chronisch entzündliche Darmerkrankung oder Immundefekt?

Wichtige Unterscheidungsmerkmale von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind:

Morbus Crohn

  • kann den Bereich vom Mund bis zum Anus betreffen
  • Häufig Abszesse (eitrige Geschwüre)
  • Häufig Darmfisteln
  • Allgemeine Entzündungssymptome wie Fieber sind typisch
  • Häufiger sind weitere Körperregionen / Organe von Entzündungen betroffen, z.B. Haut und Gelenke

Colitis ulcerosa

  • Steigt vom Anus auf bis maximal zum Enddarm oder Dünndarm
  • Häufig blutige Durchfälle
  • Leber oder Gallenwege können zusätzlich entzündet sein

PID als Ursache von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Primäre Immundefekte gehören zu den seltenen Erkrankungen und sind in den meisten Fällen nicht die Auslöser chronisch-entzündlicher Erkrankungen des Darms. Ein Zusammenhang kann jedoch nicht immer ausgeschlossen werden.

Besonders aufmerksam sollten Betroffene und Eltern betroffener Kinder sein, wenn eines oder mehrere dieser Merkmale vorliegen:

  1. Die chronisch-entzündlichen Darmbeschwerden treten schon in den ersten sechs Lebensjahren auf.
  2. Der Verlauf der Erkrankung ist besonders schwer (es zeigen sich zum Beispiel vermehrt Fisteln und/oder Abszesse und der Bereich um den Anus ist betroffen).
  3. Klassische Therapien (bspw. Kortison), die zur Behandlung von Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa eingesetzt werden, verlaufen ohne den gewünschten Erfolg.
  4. Parallel zu den klassischen Anzeichen (siehe oben) treten weitere Infektionen auf. Bitte beachten Sie hierzu auch die Liste der Warnsignale für einen Immundefekt.
  5. Die Entzündungen beschränken sich nicht nur auf den Magen-Darm-Trakt, sondern betreffen auch andere Organe oder Körperregionen.
  6. Das Lymphsystem reagiert auffällig bzw. zeigt Veränderungen, beispielsweise Vergrößerung der Milz und/oder Befall der Lymphknoten.
  7. Eine schwere, viral ausgelöste Fieber- und Entzündungserkrankung tritt auf (Hämophagozytische Lymphohistiozytose)
  8. Hautekzeme und Störungen beim Wachstum von Haaren und Nägeln liegen vor.
  9. Es kommt schon früh im Krankheitsverlauf zu einer Tumorentwicklung.

Wie lässt sich feststellen, ob ein Immundefekt Ursache der Entzündungen ist?

Bitte beachten Sie, dass die oben genannten Informationen nur erste Anhaltspunkte liefern können und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie oder Ihr Kind von einem Primären Immundefekt betroffen sind, sollten Sie dies auf jeden Fall beim behandelnden Arzt ansprechen. Dies kann beispielsweise der Gastroenterologe sein, aber auch ein Spezialist für Immundefekterkrankungen in einem spezialisierten Behandlungszentrum. Zentren in Ihrer Nähe finden Sie auch hier: Behandlungszentren.

Es stehen verschiedene Untersuchungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die ausführliche Anamnese bildet in jedem Fall den ersten Schritt. Die oben genannten Symptome, die für oder gegen einen Zusammenhang mit PID sprechen, können darin berücksichtigt werden.

Darüber hinaus geben Laboruntersuchungen und Verfahren wie die Darmspiegelung (auch Endoskopie genannt) Aufschluss über die Details der Erkrankung und des individuellen Gesundheitszustands. In der Regel wird Ihr Arzt eine Gewebeprobe entnehmen und diese untersuchen bzw. im Labor untersuchen lassen.

Falls der Verdacht auf einen Primären Immundefekt nach den ersten Untersuchungen weiter bestehen sollte, können auch genetischen Untersuchungen zum Einsatz kommen.

Welche Folgen hat es für die Therapie, wenn ein PID die Darmerkrankung ausgelöst hat?

Die Kenntnis über die genaue Ursache der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung ist der Schlüssel für eine optimale Therapie. Stellt sich heraus, dass ein Immundefekt dahintersteckt, können Sie gemeinsam mit spezialisierten Ärzten den besten Weg für sich oder Ihr Kind identifizieren. Bei einigen Menschen sind Antibiotika zur Behandlung der Darmerkrankung hilfreich, manche benötigen Kortisonpräparate, Steroide oder Immunsuppressiva. Gegebenenfalls sind bei schwerwiegenden Fällen auch operative Maßnahmen in Betracht zu ziehen.

Sobald ein Primärer Immundefekt als Auslöser der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung erkannt wird, können Therapieoptionen zur Behandlung des Immundefekts zum Einsatz kommen, wie z.B. eine Immunglobulin-Substitutionstherapie.

Mehr erfahren:

Ausführliche Informationen zu diesem Thema finden Sie auch in der dsai-Broschüre „Immundefekte und der Magen-Darm-Trakt“

Mehr über die Symptome für einen Immundefekt können Sie auch in unserem Bereich „Diagnostik“ erfahren

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